Berichte & Gedanken


Brief an meinen verstorbenen Mann. Wo ist deine Seele jetzt? Bist du im Himmel oder in der Hölle? Bist du jetzt frei von deinen irdischen Qualen? Deiner Qual mit dir selbst. Dein Kampf von Kindesbeinen an gegen den despotischen Vater. Mit Lügen musstest du dich vor seinen schweren Straßen schützen. Wer lässt schon sein Kind stundenlang auf Erbsen knien? Wer schlägt mit einem Kabel ein Kind blutig? Wer zwingt sein Kind alles aufzuessen bis zum Erbrechen? Und trotzdem du dein ganzes Leben lang versucht deinem Vater zu beweisen, dass du besser, klüger und reicher bist als er. Aber hat er dir geglaubt? Du hast dich selbst nicht geliebt. Hast du dich so sehr nach der Liebe deines Vaters gesehnt? Musstest du immer mehr sein als du warst? Für deinen Vater warst du nicht gut genug. Dein Job bei der Versicherung war nur “Klingenputzen“. Deine Autos waren nie “Mercedes“. Deine Frauen waren nie wie Mutter. Selbst deine schwere Alkoholkrankheit existierte nicht. Ich höre noch heute die Worte deines Vaters als du 1997 zur Entgiftung gehen wolltest: „Das hat dir doch deine Frau eingeimpft.“ Warum kommst du zurück in meinen Träumen? Deine Kleidung tragen bedürftige Menschen, dein Bett ist im Sperrmüll. Warum um Gottes Willen hast du dich totgesoffen? (Anonym)


Erfahrungsbericht einer suchtkranken Frau. Ich betrete den Supermarkt.  Ich hole mir einen Einkaufswagen und gehe zielsicher durch die Gänge. Ich brauche nicht lange suchen, ich kenne mich hier bestens aus. Vor dem Regal mit den Spirituosen bleibe ich stehen und greife nach der kleinen grünen Flasche. Ich hasse den Geschmack von Jägermeister, aber die Wirkung ist schnell da, und die kleine Flasche kann ich schnell und unauffällig verschwinden lassen. Ich lege das kleine Fläschchen in meinen Wagen und gehe weiter zur Backwarenabteilung. Zwei Brötchen – wie immer. Inzwischen stapeln sich die Brötchen bei mir zu Hause und werden knochen-hart, denn ich esse keine Brötchen. Aber ich muss ja etwas kaufen, dies sind meine „Alibi-Brötchen“. Ich packe die Brötchen in eine Tüte und gehe rasch weiter. Jetzt habe ich es eilig. Kaum kann ich es erwarten, die kleine grüne Flasche zu öffnen. Aber ich muss erst sicher sein, dass mich niemand beobachtet. Rasch gehe ich einen Gang weiter zu den Knabbersachen. Ich sehe mich nach allen Seiten um – niemand in der Nähe. Jetzt öffne ich die Flasche und trinke sie in einem Zug leer. Wohlig warm rinnt die Flüssigkeit durch meine Kehle und macht sich schnell im Körper breit. Die leere Flasche werfe ich in das Regal hinter die Chipstüten. Hat ja wieder mal geklappt! Alles wie immer. Oder doch nicht? Heute ist etwas anders. Denn als ich zur Kasse gehe, sehe ich den Abteilungsleiter in seinem weißen Kittel dort stehen. Ach du Sch……….! Denke ich noch, da bin ich auch schon dran. Der Abteilungsleiter wartet, bis ich bezahlt habe, dann höre ich ihn sagen: „Folgen Sie mir mal bitte in mein Büro“. Ich habe keine Wahl mehr. Auf dem Weg in das Büro  suche ich krampfhaft nach einer Erklärung. Mir fällt nichts ein. Zu spät – wir sind im Büro. Der Mann im weißen Kittel setzt sich schweigend an seinen Schreibtisch und öffnet eine Schublade. Er fördert eine kleine grüne Flasche zutage, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte und fünfte und stellt sie -immer noch schweigend- aufgereiht auf seinen Schreibtisch. Jetzt wird mir doch etwas mulmig, aber der Alkohol in meinem Körper verhindert weitere Peinlichkeiten. Wie durch Watte höre ich ihn sagen: „Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja ja, immer schön hinter die Chips-tüten schmeißen, nicht wahr?  Wir beobachten Sie schon eine ganze Weile. Brauchen Sie das?“ Trotzig antworte ich: „Ja“. Sind Sie mit einem Strafgeld von 50 DM einverstanden?“ „Ja natürlich“ antworte ich. Ich will so schnell wie möglich raus aus diesem Büro und raus aus der Situation. Ich zahle die 50 DM und will das Büro hastig verlassen, bin schon an der Tür. Da ruft mir der weiße Kittel noch hinterher: „Selbstverständlich haben Sie Hausverbot für ein Jahr“. „Ja ja“ höre ich mich noch sagen und strebe so schnell wie möglich dem Ausgang zu. Das Hausverbot habe ich (aus Trotz) nicht eingehalten. Nach 4 Wochen war ich wieder in dem Supermarkt, aber diesmal ohne zu klauen. Dieses Erlebnis hat mir dann doch einen Schuss vor den Bug verpasst. 30 Jahre liegen nun hinter diesem Ereignis, und während ich es aufschreibe, geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf:  War das wirklich ICH  damals? ICH – Tochter eine Polizisten, die zur absoluten Ehrlichkeit erzogen wurde und nicht im Traum daran denken würde, „lange Finger“ in irgend einem Laden oder wo auch immer zu machen? Der Alkohol hatte mich fest im Griff und mich so verändert. Heute bin ich froh und dankbar, dass ich den Ausstieg aus der Sucht geschafft habe und seit nunmehr 35 Jahren abstinent und zufrieden lebe. Und dies verdanke ich auch zu einem großen Teil der Selbsthilfe- gruppe, der ich mich angeschlossen habe. (Dorothea)